Im September 2025 hat die Schweiz ihr eigenes Sprachmodell veröffentlicht. Die Aufmerksamkeit war gross, die Fragen danach auch: Wo kann ich Apertus ausprobieren? Ist es so gut wie ChatGPT? Und lohnt es sich für mein Unternehmen? Ein Jahr später, mit Version 1.5 und einer wachsenden Zahl von Anbietern, ist ein guter Zeitpunkt, diese Fragen nüchtern zu beantworten.

Die kurze Antwort vorweg: Am einfachsten testest du Apertus heute gratis in Proton Lumo oder in Euria von Infomaniak. Für Firmen bieten Swisscom, Infomaniak und weitere Schweizer Anbieter Apertus über eine Schnittstelle an. Und bei komplexen Aufgaben liegen die grossen kommerziellen Modelle weiterhin vorne.

Was ist Apertus?

Apertus ist das vollständig offene, mehrsprachige Sprachmodell der Swiss AI Initiative von ETH Zürich, EPFL und dem Nationalen Hochleistungsrechenzentrum CSCS. Trainiert wurde es auf dem Supercomputer Alps in Lugano. Die erste Version erschien am 2. September 2025 in zwei Grössen: mit 8 und mit 70 Milliarden Parametern.

Offen heisst bei Apertus mehr als bei den meisten Modellen. Bei vielen «offenen» Modellen kannst du nur die fertigen Gewichte herunterladen, also das trainierte Modell selbst. Bei Apertus liegen zusätzlich Trainingsdaten, Code, Methoden und Zwischenstände offen. Ein Bild dazu: Die meisten Hersteller verkaufen dir den fertigen Kuchen, Apertus legt auch das Rezept, die Zutatenliste und die Backzeiten auf den Tisch.

Die wichtigsten Eckdaten laut technischem Bericht:

  • Trainingsmenge: 15 Billionen Tokens, davon rund 40 Prozent nicht englisch.
  • Sprachen: Trainiert mit über 1800 Sprachen, darunter alle vier Landessprachen sowie Schweizerdeutsch. Wirklich gesprächsfähig ist Apertus laut offizieller FAQ in einigen Dutzend Sprachen.
  • Lizenz: Apache 2.0, also auch geschäftlich frei nutzbar. Für die Gewichte der Version 1.5 musst du auf Hugging Face zusätzlich der Nutzungsrichtlinie zustimmen; die Freigabe erfolgt automatisch.

Was ist neu in Apertus 1.5?

Am 24. Juli 2026 erschien Apertus 1.5. Es ist kein neues Modell, sondern eine Weiterentwicklung: Die 8B-Variante wurde mit 4 Billionen, die 70B-Variante mit 2 Billionen zusätzlichen Tokens weiter trainiert, erstmals auch mit Bilddaten.

  • Viel längerer Kontext: bis 262'144 Tokens, viermal so viel wie zuvor. Du kannst damit lange Dokumente in einem Schritt verarbeiten.
  • Thinking Mode: Auf Wunsch denkt das Modell schrittweise nach, bevor es antwortet. Er ist standardmässig ausgeschaltet. Laut einer Messung der Universität St. Gallen hilft er bei Mathematik deutlich, verschlechtert aber die Anweisungstreue.
  • Bildverständnis: Apertus kann Bilder lesen und beschreiben, Audio-Eingaben sind experimentell möglich. Die Ausgabe ist immer Text.
  • Bessere Anweisungstreue und Werkzeugnutzung: wichtig, wenn du Apertus in Abläufe oder Agenten einbindest. Gegenüber Version 1.0 legte die 8B-Variante in den gängigen Tests zweistellig zu.

Die Offenheit bleibt: Gewichte, Daten und Zwischenstände der Version 1.5 sind ebenfalls öffentlich, der ausführliche technische Bericht folgt noch.

Warum Apertus?

Was bringt dir ein Schweizer Modell, wenn es doch ChatGPT, Claude und Gemini gibt? Die Antwort hängt an drei Punkten.

Nachvollziehbarkeit. Weil Daten und Training offenliegen, lässt sich prüfen, womit das Modell gelernt hat. Für Verwaltungen, Spitäler oder Firmen mit hohen Anforderungen an Beschaffung und Revision ist das ein echter Unterschied.

Kontrolle über Daten und Betrieb. Du kannst Apertus selbst betreiben oder bei einem Schweizer Anbieter nutzen. Deine Daten müssen das Land nicht verlassen, und du hängst nicht von den Preisen oder Regeln eines einzelnen US-Konzerns ab.

Sprachen der Schweiz. Die Landessprachen und Schweizerdeutsch waren erklärtes Trainingsziel. In der Praxis zeigen sich beim geschriebenen Schweizerdeutsch aber noch Schwächen: Der Übersetzungsdienst Helvetra berichtet, dass Apertus Mundart und Hochdeutsch nicht zuverlässig unterscheidet. Für gesprochene Mundart gibt es noch keine belastbaren Tests.

Wichtig ist auch, was Apertus nicht ist. Bei Programmieren, Mathematik und Logik liegt die 70B-Variante laut einer Bilanz von swissinfo deutlich hinter gleich grossen offenen Modellen. Das Parlament hat Apertus für seine Assistentin «Pia» nicht gewählt, weil es laut SRF eher etwas dazuerfindet. Stark ist Apertus dagegen beim Beantworten deutscher Fragen und beim Übersetzen: Im Verwaltungsbenchmark MÖVE der deutschen Bundesdruckerei kam die 70B-Variante der Version 1.0 beim Beantworten von Fragen auf Rang 3 von 39 Modellen, beim Zusammenfassen auf Rang 10.

Kurz zusammengefasst: Apertus punktet mit Offenheit und Datenhoheit, nicht mit Spitzenleistung. Für viele Alltagsaufgaben reicht es, für anspruchsvolle Analysen nicht.

So probierst du Apertus aus

Du musst nichts installieren, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Seit Herbst 2026 führen mehrere Chat-Dienste Apertus direkt im Modellmenü.

  1. Proton Lumo, gratis: Seit dem 17. September 2026 kannst du im KI-Assistenten von Proton Apertus 1.5 im Modellmenü wählen, laut Proton für alle Lumo-Nutzenden, auch im Gratisplan. Standard bleibt Protons eigenes Modell; Apertus musst du aktiv auswählen. Proton betreibt Lumo auf eigener Infrastruktur in Europa.
  2. Infomaniak Euria, gratis: Im Schweizer Assistenten Euria lässt sich Apertus im Chat auswählen. Euria ist mit Tageskontingent gratis, die Daten bleiben in der Schweiz.
  3. Public AI: Auf publicai.co/chat läuft die 8B-Variante ohne Anmeldung, auf chat.publicai.co die 70B-Variante mit Gratis-Konto und Thinking Mode. Gerechnet wird laut Public AI bei Partnern weltweit, und Daten können mit Forschenden geteilt werden. Für vertrauliche Inhalte ist das nicht der richtige Ort.
  4. mono.chat: Der Dienst bietet Apertus 1.5 70B seit August 2026 in allen Bezahlplänen an, ab 20 Dollar im Monat. Die Kundendaten liegen in Frankfurt; über welchen Anbieter das Modell läuft, legt mono nicht offen.

Welcher Chat-Dienst welche Modelle nutzt und wo die Daten liegen, zeigt der Vergleich der Schweizer KI-Chats.

Ein Beispiel für den Start: Nimm ein öffentliches Dokument, etwa die Geschäftsbedingungen deiner Firma, und lass dir in Apertus und in deinem gewohnten Chat dieselben drei Fragen dazu beantworten. So siehst du in fünf Minuten, wo die Unterschiede für deine Arbeit liegen.

Apertus in der Firma: Schnittstellen und Hosting

Wer Apertus in eigene Anwendungen einbauen will, braucht eine Programmierschnittstelle. Hier gibt es inzwischen mehrere Schweizer Angebote. Die offizielle Übersicht der Anbieter führt die Swiss AI Initiative selbst.

  • Swisscom: Die Swiss AI Platform bietet Apertus 1.5 70B für Geschäftskunden, abgerechnet pro Token. Den Thinking Mode unterstützt Swisscom zugunsten der Werkzeugnutzung nicht.
  • Infomaniak: Die AI Tools enthalten Apertus 1.5 70B als Beta, mit Gratisguthaben zum Start und Daten in der Schweiz. Pro Anfrage sind bis 100'000 Tokens Eingabe möglich.
  • PHOENIQS (kvant.cloud): Apertus 1.5 70B mit vollem Kontext und veröffentlichten Preisen pro Million Tokens, ausgerichtet auf Firmen und öffentliche Hand.
  • stepping stone: Der Berner Anbieter betreibt die 8B-Variante als Dienst, abgerechnet nach Verbrauch.
  • Safe Swiss Cloud: Apertus 1.5 70B im Angebot «Private AI», mit Daten in der Schweiz.
  • Hochschulen: Forschende an Schweizer Hochschulen nutzen den Inferenzdienst des CSCS.

Bei der Wahl helfen drei Fragen: Wo werden die Daten verarbeitet? Welche Version und Grösse läuft dort? Und was kostet eine typische Anfrage im Vergleich zu deinem heutigen Modell? Liip hat für seinen Stadt-Chatbot gerechnet, dass Apertus 70B bei Infomaniak pro Token rund viermal teurer war als ein vergleichbares kommerzielles Modell.

Apertus lokal betreiben: Was brauchst du?

Ein lokales Modell ist dann sinnvoll, wenn Daten das Gerät gar nicht verlassen dürfen oder wenn du ohne Internet arbeiten willst.

  • 8B-Variante: braucht laut offizieller Übersicht rund 6 GB Arbeitsspeicher in einer verkleinerten Fassung und läuft damit auf vielen Notebooks.
  • 70B-Variante: braucht in der üblichen 4-Bit-Fassung ab rund 48 GB Speicher, in voller Genauigkeit ein Vielfaches. Das ist Server-Hardware oder ein sehr gut ausgestatteter Rechner.
  • Apertus Mini: Eine kleine Variante läuft sogar direkt im Browser, ganz ohne Installation.

Die Gewichte liegen auf Hugging Face unter swiss-ai. In LM Studio und in Ollama gibt es Versionen aus der Gemeinschaft, offiziell ist Apertus in Ollama nicht. Für Version 1.5 sind diese Versionen bisher reine Textmodelle ohne Bild und Audio. Was auf deiner Hardware läuft und wie Apertus im Vergleich zu anderen offenen Modellen abschneidet, zeigt der Rechner auf der Seite KI-Modelle im Vergleich.

Wo Apertus schon im Einsatz ist

Nach einem Jahr zählt die Swiss AI Initiative laut swissinfo über 4 Millionen Downloads und mindestens 70 externe Einsätze. Einige Beispiele aus der Schweiz:

  • Kanton Tessin: Das kantonale Informatikzentrum übersetzt mit einem feinabgestimmten Apertus 8B im eigenen Rechenzentrum. Rund 100 Mitarbeitende testen es.
  • Medizin: Die EPFL hat mit MeditronFO ein offenes Rahmenwerk für medizinische Sprachmodelle auf Basis von Apertus vorgestellt.
  • Medien: Das Basler Onlinemagazin Bajour nutzt ein lokal betriebenes Apertus für seinen Newsletter und zur Analyse von Grossratsprotokollen.
  • Gemeinschaft: Seit dem 1. Oktober 2026 läuft Hack Apertus, eine Reihe von Hackathons bis Mai 2027 mit über 120 Partnerorganisationen. Mehr dazu auf der Event-Seite.

Wann lohnt sich Apertus für Unternehmen?

Apertus ist kein Ersatz für jedes KI-Werkzeug. Es spielt seine Stärken in bestimmten Fällen aus:

  • Sensible Daten: Personaldossiers, Patientendaten oder vertrauliche Verträge, die nicht in eine ausländische Cloud sollen, bei einem Schweizer Anbieter oder lokal betrieben.
  • Öffentliche Hand und Beschaffung: wo Transparenz über Herkunft und Training verlangt ist.
  • Übersetzen zwischen den Landessprachen: In einem juristischen Test übersetzte Apertus 1.5 70B Gerichtsentscheide besser als alle 16 anderen geprüften Modelle, schnitt beim Zusammenfassen aber schwach ab.
  • Eigene Anwendungen: Chatbots, die auf eigenen Dokumenten antworten, sogenannte RAG-Anwendungen. Das Modell sucht dabei zuerst in deinen Dokumenten und formuliert dann die Antwort. Hier lohnt ein Test mit echten Fragen, bevor du dich festlegst.

Für anspruchsvolle Programmier- oder Analyseaufgaben greifst du besser zu einem der grossen Modelle, idealerweise bei einem Anbieter mit klaren Vertragsbedingungen.

Was als Nächstes kommt

Laut SRF soll das Training von Apertus 2.0 im Dezember 2026 abgeschlossen sein, das Modell wird um ein Vielfaches grösser. Der Fahrplan der Initiative sieht Version 2.0 für das erste Quartal 2027 vor. Ob Apertus damit zu den grossen Modellen aufschliesst, ist offen; die Richtung ist klar.

swissAI und Apertus

swissAI ist ein unabhängiger Verband und organisatorisch nicht Teil der Swiss AI Initiative. Wir unterstützen ihre Ziele aber aktiv: mit Wissenstransfer in die Praxis, Vernetzung und Anwendungen. Dr. Imanol Schlag, Co-Lead von Apertus, gehört dem Advisory Board von swissAI an. Mehr dazu auf der Seite Swiss AI Initiative und Apertus.

Häufige Fragen

Ist Apertus kostenlos?

Das Modell selbst ja. Es steht unter der Lizenz Apache 2.0 und darf frei genutzt, verändert und weitergegeben werden, auch geschäftlich. Gratis ausprobieren kannst du es in Proton Lumo, in Infomaniak Euria und bei Public AI. Kosten entstehen, wenn du es über eine Schnittstelle nutzt oder selbst betreibst.

Wo kann ich Apertus testen?

Am einfachsten im Modellmenü von Proton Lumo oder Infomaniak Euria, beide gratis. Ohne Konto geht es auf publicai.co/chat mit der 8B-Variante. Für vertrauliche Daten eignet sich ein Schweizer Anbieter wie Infomaniak oder ein lokaler Betrieb.

Kann Apertus Schweizerdeutsch?

Schweizerdeutsch gehört zu den über 1800 Sprachen, mit denen Apertus trainiert wurde. In der Praxis verwechselt es aber noch Mundart und Hochdeutsch, und für gesprochene Mundart gibt es keine belastbaren Tests. Für Texte in den Landessprachen ist es deutlich zuverlässiger.

Ist Apertus so gut wie ChatGPT?

Bei komplexen Aufgaben, Mathematik, Programmieren und der Quellentreue nicht. Beim Beantworten deutscher Fragen und beim Übersetzen schneidet die 70B-Variante gut ab. Der eigentliche Unterschied ist die Offenheit: Du weisst, womit das Modell trainiert wurde, und kannst es selbst betreiben.

Fazit

Apertus ist kein Ersatz für die grossen kommerziellen Modelle, sondern eine echte Alternative dort, wo Nachvollziehbarkeit, Datenhoheit und die Sprachen der Schweiz zählen. Mit Version 1.5 sind langer Kontext, Thinking Mode und Bildverständnis dazugekommen, und mit Proton und Infomaniak kannst du es heute gratis ausprobieren. Der beste Weg, es einzuschätzen: zehn Minuten selbst testen, mit einer echten Aufgabe aus deinem Alltag.

Kurz zusammengefasst:

  • Apertus ist das vollständig offene Sprachmodell von ETH Zürich, EPFL und CSCS, erschienen am 2. September 2025.
  • Version 1.5 vom 24. Juli 2026 bringt 262'144 Tokens Kontext, Thinking Mode und Bildverständnis.
  • Gratis testen: Proton Lumo und Infomaniak Euria, ohne Konto auf publicai.co/chat.
  • Für Firmen: Swisscom, Infomaniak, PHOENIQS, stepping stone und Safe Swiss Cloud bieten Apertus mit Daten in der Schweiz an.
  • Lokal braucht die 8B-Variante rund 6 GB, die 70B-Variante ab rund 48 GB Speicher.
  • Stark bei Offenheit, Datenhoheit und Übersetzung, schwächer bei Mathematik, Code und Quellentreue.

Hast du Apertus schon im Einsatz? Erzähl uns davon im Friday Weekly, wir sammeln Praxisbeispiele aus der Community.

Stand: 6. Oktober 2026.

Quellen: Apertus, offizielle Seite · ETH Zürich zum Start von Apertus · CSCS zu Apertus 1.5 · Proton zu Apertus in Lumo · swissinfo: Apertus nach einem Jahr · SRF zum Einsatz in der Praxis · Hugging Face, swiss-ai