Du arbeitest vermutlich täglich mit ChatGPT, Claude oder Gemini. Und in unserer Community taucht die Frage fast jede Woche auf: Gibt es das auch aus der Schweiz? Ja, ein gutes Dutzend Mal sogar. Nur bedeutet «aus der Schweiz» bei fast jedem Anbieter etwas anderes.
Wir haben uns bei swissAI sechzehn Angebote genauer angeschaut. Hier ist die Auslegeordnung, ohne Rangliste und ohne Empfehlung.
Was heisst hier «Schweizer KI»?
Stell dir das Schweizer Kreuz auf einer Lebensmittelverpackung vor. Es kann bedeuten: Das Rezept ist schweizerisch. Oder die Fabrik steht hier. Oder nur die Firma hat ihren Sitz hier.
Bei KI-Chats ist es genau gleich:
- Die Firma ist schweizerisch: Sitz, Eigentümer, anwendbares Recht
- Das Hosting ist schweizerisch: deine Chats laufen auf Servern in der Schweiz
- Das Modell ist schweizerisch: es wurde hier entwickelt und trainiert
Was viele übersehen: Kein einziges der sechzehn Angebote erfüllt alle drei Dimensionen. Dafür zeigen sie drei verschiedene Wege, wie sich Anbieter dem Thema nähern.
Weg 1: Ein eigenes Modell bauen
Diesen Weg geht genau einer. Giotto.ai aus Lausanne entwickelt mit «Giotto 1» ein eigenes Reasoning-Modell, eingebettet in ein System mit Chat, Dokumentenanalyse, Code-Unterstützung und API. Die Firma existiert seit 2017 und arbeitet mit Partnern wie RUAG und SAP.
Die Gratis-Cloud seit Juli 2026 klingt nach offenem Zugang, hier gilt es aber hinzuschauen: Die Lizenz erlaubt nur nicht-kommerzielle Tests während zwölf Monaten, gehostet wird «in Europa», und Anfang August führten alle Buttons zum Kontaktformular statt zur Registrierung. Schweizer Firma, Schweizer Modell, europäisches Hosting; unabhängige Leistungstests fehlen.
Weg 2: Weltauswahl unter Schweizer Dach
Der zweite Weg: Eine Schweizer Firma baut die Oberfläche, die Modelle kommen von den Grossen.
- mono.chat (Luzern) bündelt dutzende Modelle und wählt pro Anfrage automatisch das passende, seit dem 7. August 2026 auch Apertus. Der Solo-Gründer legt Umsatzzahlen und die Trainingspraktiken der Modellanbieter offen; diese Transparenz ist selten. Deine Daten liegen in Frankfurt und gehen nie nach China; die chinesischen Modelle laufen je nach Anbieter in den USA oder in Europa.
- myAI (Swisscom) ist der reichweitenstärkste Schweizer Consumer-Chat, gratis in der Basisversion, kennt SBB-Fahrplan, Wetter und Dialekte. Zum Start lief Claude im Hintergrund, heute nennt die App keine Modelle mehr; erlaubt ist nur privater Gebrauch.
- Lumo (Proton) verschlüsselt deinen Verlauf so, dass der Anbieter ihn nicht lesen kann, und läuft ohne Konto, über Tor und im Ghost Mode. Die Server stehen seit August 2025 bewusst in Deutschland, die Modelle kommen seit Version 2.0 aus China.
- aibox (AI now AG, Baar) bündelt ChatGPT, Claude, Gemini und Perplexity für KMU ab 29 Franken pro Monat; laut Anbieter neu auch ein noch unbelegter Swiss LLM Layer mit Apertus, Mistral, Kimi, Qwen und Gemma. Das Versprechen «Daten bleiben in der Schweiz» relativiert die eigene Datenschutzerklärung, und privat nutzen darfst du es nicht.
- Swiss Chat (Beyond-Bot.ai, Kleindöttingen) bündelt über 15 Modellanbieter, von OpenAI und Anthropic bis Apertus über den Partner Phoeniqs, und ist ohne Konto direkt nutzbar. Auffällig: Die Preise stehen in US-Dollar statt Franken, und laut Datenschutzerklärung landen Daten je nach Konfiguration auch ausserhalb Schweiz und EU.
- PORTA (PowerOn AG, Zürich) ersetzt sensible Begriffe automatisch durch Platzhalter, bevor eine Anfrage die KI erreicht, und lässt sich in 2 Minuten selbst registrieren. Welches Modell antwortet, nennt der Anbieter nicht, und die Datenschutzerklärung deckt nur die Website ab, nicht das KI-Produkt selbst.
Gemeinsam ist diesen sechs: Schweizerisch sind Firma und Recht, nicht die Technik.
Weg 3: Offene Modelle auf Schweizer Servern
Der dritte Weg holt offene Modelle auf Infrastruktur in der Schweiz:
- Euria (Infomaniak) ist gratis und ohne Konto nutzbar, komplett in eigenen Schweizer Rechenzentren; seit Mai 2026 hält eine gemeinnützige Stiftung die Stimmrechtsmehrheit. Welches Modell antwortet, siehst du nicht; ein NZZ-Test zeigte im Februar 2026 übernommene chinesische Regierungspositionen.
- botts.ai (Zug) ist eine Agenten-Plattform mit Website-Widget, Telefon-Agent und Team-Chat. Die Speicherung liegt durchgehend in der Schweiz, ein Badge zeigt pro Einsatz alle Verarbeitungsländer. Unter den hier laufenden Modellen sind weiterhin auch chinesische (Qwen, Kimi, DeepSeek), neu läuft aber auch GPT-4.1/GPT-5.4 über Microsoft Azure Schweiz. Die Firma ist erst seit 2025 im Handelsregister.
- AlpineAI (Davos) bedient Gesundheitswesen, Verwaltung und Hochschulen auf eigener Hardware. Mit Seed-Runde, einem Zuschlag der Zürcher Gemeinden und über 30 Referenzen der reifste der kleineren Anbieter; andere Branchen stehen auf einer Warteliste.
- Nectos (Genf) ist ein junger KI-Arbeitsplatz auf Schweizer Infrastruktur mit sauberer Rechtsdokumentation. Welche Modelle laufen, verrät die Website nicht.
- Private AI Chat (Safe Swiss Cloud, Zürich) gibt Teams einen eigenen Container mit 18 offenen Modellen inklusive Apertus. Kein Selbstzugang, der Einstieg läuft über den Vertrieb.
- EagleGPT (BE BRAVE AG, Rotkreuz) läuft auf einem eigenen Schweizer Rechenzentrum in Walenstadt SG und hat seit 2025 Apertus im Modell-Mix. Seit Kurzem mit echter Selbstregistrierung, Preise bleiben aber weiterhin unpubliziert.
- PeakPrivacy (freihandlabor GmbH, Zürich) begleitet den Rollout mit Workshops und vier abgestuften Modellklassen, Schweiz standardmässig, EU/USA nur bei ausdrücklicher Wahl. Auch hier kein Selbstzugang, und Apertus fehlt im sonst sehr transparent dokumentierten Modellangebot.
- MintSafe (Rhino digital education KLG, Titterten) läuft auf der Open-Source-Engine Dify mit Schweizer Modellen als Standard, internationale nur auf Wunsch. Die beworbene Selbstbestellung funktioniert derzeit nicht, und die verlinkte Datenschutzerklärung liefert einen 404-Fehler.
Und ein Sonderfall, der in keinen der drei Wege passt: chat.publicai.co ist der einzige frei zugängliche Chat direkt auf Apertus, dem offenen Schweizer Modell von ETH und EPFL. Getragen wird er von einer US-Non-Profit; die Speicherung liegt in den USA, eine lokalisierte Schweizer oder EU-Speicherung bietet der Dienst laut eigenen Nutzungsbedingungen nicht an.
Drei Muster, die auffallen
Erstens: Du siehst oft nicht, welches Modell antwortet. Bei sechs der sechzehn Angebote ist das Modell weder wählbar noch sichtbar. Euria wechselte still von Qwen3 auf Qwen3.5, myAI ersetzt Modellnamen durch «Schnell» und «Durchdacht», Nectos nennt gar keines. Dabei sagt der Serverstandort nichts über die inhaltliche Prägung, das hat der Fall Euria gezeigt.
Zweitens: Die Souveränitätsversprechen brechen an der Websuche. AlpineAI verspricht «Daten bleiben in der Schweiz, ohne Ausnahme» und relativiert das in den AGB für die Websuche. Nectos verspricht «kein Routing zu ausländischen Anbietern» und schickt Suchanfragen an einen ungenannten Dritten. Eine eigene Suchinfrastruktur betreibt keiner der kleinen Anbieter.
Drittens: Offene Modelle heissen heute meist chinesische Modelle. Wer in der Schweiz oder Europa offene Modelle betreibt, setzt auf Qwen, GLM, Kimi oder DeepSeek. Proton hat mit Lumo 2.0 sogar aktiv von europäischen auf chinesische Modelle gewechselt, weil dort die Leistung liegt. Das ist kein Anbieter-Versagen, aber ein Befund, den du kennen solltest.
Worauf du achten solltest
Diese acht Fragen kannst du jedem Anbieter stellen, die Antworten stehen in seinen öffentlichen Unterlagen:
- Wo läuft das Modell, und wo liegen meine Chats? Zwei Fragen, nicht eine.
- Woher stammt das Modell? Schweigen ist auch eine Auskunft.
- Steht «kein Training mit meinen Daten» im Vertrag oder nur auf der Startseite?
- Wie lange werden meine Chats aufbewahrt, und kann ich sie löschen?
- Wer sind die Unterauftragsverarbeiter, und wohin geht die Websuche?
- Nennen die Rechtsdokumente das Schweizer Datenschutzgesetz oder nur die DSGVO?
- Was steht in der Gratis-Lizenz? Befristungen verstecken sich gerne dort.
- Welche Haftung und welche Verfügbarkeit sichert mir der Anbieter zu?
Klingt nach Aufwand? Pro Anbieter ist es etwa eine halbe Stunde. Verglichen mit dem, was du dem Werkzeug später anvertraust, ist das wenig.
Fazit
Das Wichtigste: «Schweizer KI» ist kein geschütztes Label. Frag bei jedem Angebot, welchen der drei Wege es geht und ob Firma, Hosting oder Modell schweizerisch ist, denn alle drei zusammen bietet heute niemand. Das Ökosystem wächst, und mit Apertus kommt das offene Schweizer Modell in den Produkten an.
Alle sechzehn Angebote findest du auf unserer Seite Schweizer KI-Chats, filterbar nach Datenstandort, Gratis-Zugang, Apertus, Selbstanmeldung und Zertifizierung, mit aufklappbaren Details zu Gründung, Referenzkund:innen und Support. Wir halten sie aktuell.
Du baust selbst ein Schweizer KI-Angebot? In der Swiss AI Landscape machen wir das Ökosystem sichtbar, und als Firmenmitglied gehörst du dazu.
Welche Erfahrungen hast du mit Schweizer KI-Chats gemacht? Teile sie in unserer Community oder schreib uns an human@swissai.ch.
Stand: 11. August 2026. Alle Angaben aus öffentlichen Quellen der Anbieter, Handelsregisterdaten und Medienberichten. swissAI ist gemeinnützig und neutral: keine Empfehlung, keine Rangliste. Ein Eintrag in der Swiss AI Landscape stellt keine Prüfung dar.
