Ein Mann versucht in Zürich, Kindergartenkinder mit einem Messer zu töten. Vor Gericht wird rekonstruiert, wie er die Tat vorbereitet hat. Und mitten in dieser Rekonstruktion fällt ein Begriff, der heute zuverlässig Aufmerksamkeit erzeugt: ChatGPT. Der Täter habe intensiv mit ChatGPT kommuniziert und unter anderem gefragt, wo er in Zürich kleine Kinder antreffen könne. Gleichzeitig ist von Internetrecherchen, einem Messerkauf, anatomischen Studien und Übungen an Fleisch die Rede. Zum Artikel
Die Erwähnung von ChatGPT ist also relevant. Aber sie ist noch keine Erklärung.
Die entscheidende Information fehlt
Wer wissen möchte, welche Rolle das KI-System tatsächlich gespielt hat, müsste vor allem zwei Dinge kennen: Was wurde gefragt – und was hat ChatGPT geantwortet?
Den ersten Teil kennen wir teilweise. Den zweiten nicht. Hat das System konkrete Informationen geliefert? Hat es die Anfrage verweigert? Hat es auf Hilfe verwiesen? Solange wir das nicht wissen, lässt sich aus der blossen Nutzung kaum ableiten, welchen Beitrag ChatGPT zur Tatvorbereitung tatsächlich geleistet hat. Nutzung ist nicht automatisch Wirkung. Und Erwähnung ist nicht automatisch Kausalität.
Ebenso wichtig ist die Frage, ob dieselben Informationen nicht auch über Suchmaschinen, Foren, Videos oder Webseiten auffindbar gewesen wären. Generative KI verändert den Zugang zu Wissen. Gerade deshalb muss genau geprüft werden, was sie in einem konkreten Fall tatsächlich beigetragen hat. «Er hat ChatGPT benutzt» ist für sich genommen kaum aussagekräftiger als «Er hat das Internet benutzt».
Die entscheidende journalistische Frage lautet deshalb: Welche Information erhielt er durch die KI, die für die Tat relevant war – und hätte er sie anderswo ebenso finden können?
KI kann auch intervenieren
Ein weiterer Punkt kommt in der Debatte oft zu kurz: Generative KI ist nicht nur ein neues Informationswerkzeug. Sie kann auch problematische Absichten erkennen, Antworten verweigern, sichere Alternativen anbieten oder auf Hilfsangebote verweisen. Damit eröffnet sie grundsätzlich Möglichkeiten, die klassische Informationssysteme so nicht haben.
Mehr Differenzierung wäre hilfreich
Wenn ein KI-System im Zusammenhang mit einer Straftat auftaucht, gehört das selbstverständlich in die Berichterstattung. Ebenso wichtig wäre aber die nächste Frage: Was ist in dieser Interaktion tatsächlich geschehen? Vielleicht hat die KI eine Tat erleichtert. Vielleicht hat sie eine problematische Anfrage verweigert. Vielleicht war sie nur eines von vielen Werkzeugen.
KI verdient kritische Beobachtung. Aber Kritik wird nicht stärker durch vorschnelle Kausalität, sondern durch genaues Hinschauen. Darum sollte bei jeder Meldung «Er recherchierte mit ChatGPT» eine Frage selbstverständlich werden: Und was hat ChatGPT geantwortet?
